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⚡️ Kommentar des russischen Botschafters in Deutschland Sergej Netschajew für die russische Medienagentur RIA Nowosti

❓ Sehr geehrter Herr Netschajew, wie bewertet die Botschaft das Bundestagswahlergebnis? Sind Sie bereit, mit der möglichen Regierung von Friedrich Merz zusammenzuarbeiten? Erwarten Sie positive Entwicklungen in den bilateralen Beziehungen unter der zukünftigen Regierung der Bundesrepublik Deutschland?

🗣 Den gegenwärtigen Zustand der deutsch-russischen Beziehungen, die in einigen Bereichen auf Eis gelegt und in anderen einfach zerstört wurden, haben nicht wir gewählt. Wir sind immer davon ausgegangen und machen es nach wie vor, dass es sinnvoll ist, stabile und stets funktionsfähige Kommunikationskanäle aufrechtzuerhalten – auch auf gesellschaftlicher Ebene – sowie einen professionellen, zivilisierten politischen Dialog zu führen und die offensichtlichen Vorteile einer wirtschaftlichen Kooperation zwischen unseren Ländern zu nutzen.

💬 Heute ist ganz evident, dass sich der bisherige Kurs, der darin bestand, Russland zu isolieren und unserem Land eine „strategische Niederlage“ zuzufügen, als unzumutbar erwiesen hat. Man hat auf Sanktionen, Konfrontation und gewaltsame Lösungen gesetzt und verloren. Zudem man damit der deutschen Wirtschaft enormen Schaden zugefügt.

💬 Das Ergebnis der Bundestagswahl in Deutschland ist aus unserer Sicht ein Beleg dafür, dass die Bürgerinnen und Bürger des Landes Veränderungen fordern, auch im Hinblick auf die Normalisierung der deutsch-russischen Beziehungen. Wir hoffen, dass die deutschen Politiker dieser Forderung Rechnung tragen werden.

đź’¬ Wir sind bereit, mit der neuen deutschen Regierung zusammenzuarbeiten. Wir werden nicht nach Wahlkampfrhetorik, sondern nach konkreten Taten urteilen. Wir ziehen es vor, keine Prognosen zu machen. Wir haben auf eine Zusammenarbeit auf der Grundlage von Gleichberechtigung und gegenseitigem Respekt nie verzichtet. NatĂĽrlich setzt Kooperation auch eine entgegenkommende Haltung voraus.

@RusBotschaft

#Deutschland #Kommentar #Botschaft #Netschajew #Bundestagswahl
#Kommentar
Teil 1 von 3

Einzelfall, psychisch auffällig, Ermittlungen dauern an

Sie werden es längst bemerkt haben. Seit Samstagnacht arbeitet der Apparat. Jeder Kanal, jede Redaktion, jede Kommentarspalte, und die alternativen Medien nicht langsamer als die anderen, sondern schneller, weil sie weniger zu verlieren haben. Eine Frau ist tot, sechzehn Menschen sind verletzt, drei davon lebensgefährlich, und die Fahrerfrage war noch nicht geklärt, da lagen die Deutungen bereits fertig auf dem Tisch. Sie lagen dort schon vorher. Sie warten immer, sie warten nur auf den nächsten Fall, in den sie hineinpassen.

Und man kann den Rest mitschreiben, bevor er stattfindet. Die Nacht, in der niemand etwas weiß und trotzdem alle sprechen. Der Satz von der Attacke auf unsere offene Gesellschaft. Die Frage nach dem Motiv, die eine Frage nach der Herkunft ist, und die Antwort, dass zu Motiven derzeit keine gesicherten Erkenntnisse vorliegen. Dann, nach zwei bis vier Tagen, die Einordnung. Sie lautet in der Regel: ein Mann. Oder: ein psychisch auffälliger Mann. Damit ist die Sache erklärt, und was erklärt ist, muss nicht mehr verhandelt werden.

Beide Formeln leisten dasselbe. Wer sagt, es seien eben Männer, macht aus der Tat eine anthropologische Konstante, und Konstanten sind kein politischer Gegenstand, man kann sie beklagen, aber nicht ändern. Wer sagt, der Täter sei krank gewesen, verschiebt die Tat aus dem Bereich der Entscheidung in den Bereich der Diagnose, und Diagnosen kennen keine Verantwortung, sie kennen Verläufe. Am Ende ist niemand zuständig. Das ist nicht der Nebeneffekt dieser Erklärungen, das ist ihr Zweck.

Wie selektiv das gehandhabt wird, sieht man an den Fällen, in denen es niemandem einfiele. Wer eine Synagoge angreift, gilt nicht als verwirrt, sondern als Täter mit einer Ideologie. Die Bereitschaft, Krankheit gelten zu lassen, richtet sich erkennbar danach, welche Schlussfolgerung sonst im Raum stünde. Man wählt die Erklärung nicht nach ihrer Wahrscheinlichkeit, sondern nach ihrer Folgenlosigkeit.

Die Choreografie
Was dann kommt, läuft so verlässlich ab, dass man einen Kalender danach stellen könnte. Tag eins die Bestürzung, aus allen Richtungen gleichzeitig. Tag zwei Blumen und ein Fototermin dazu, ein Ministerbesuch, wir lassen uns nicht spalten. Tag drei die Ankündigung einer Prüfung, denn geprüft wird immer. Woche eins die Sondersitzung, Woche zwei die hinteren Seiten, Woche drei ist es weg.

Nach ein bis zwei Monaten folgt die Konsequenz, meist eine Verschärfung, die auf den konkreten Fall nachweislich keine Anwendung gefunden hätte. Ein halbes Jahr später zeigt sich, wen sie tatsächlich trifft: überwiegend Leute, die noch nie jemanden angegriffen haben. Das ist kein Versagen. Das ist eine eingespielte Routine, deren Zweck nicht die Verhinderung der nächsten Tat ist, sondern die Beendigung der Erregung über die letzte. Der Druck steigt, der Druck fällt, alles läuft weiter wie vorher, nur mit einem Gesetz mehr im Rücken des unbescholtenen Bürgers.

In dieser Woche wird trotzdem verhandelt werden, und im Zentrum steht eine Zahl. Beide Lager werden sie brauchen. Beide werden sie falsch lesen, und zwar auf eine Weise, die man vorhersagen kann.

Weiter in Teil zwei.
#Kommentar
Teil 2 von 3

Einzelfall, psychisch auffällig, Ermittlungen dauern an

Im ersten Teil ging es um die Routine, mit der ein solcher Abend abgearbeitet wird. Hier geht es um die Zahl, die in dieser Woche von allen Seiten gebraucht und von allen Seiten falsch gelesen wird.

Was stabil heiĂźt

Die Polizeiliche Kriminalstatistik weist für 2025 in Deutschland 29.243 Messerangriffe aus, darunter 994 versuchte oder vollendete Tötungsdelikte mit dem Tatmittel Messer. Knapp tausend Menschen in einem Jahr, denen jemand mit einem Messer nach dem Leben getrachtet hat.

Dieser Wert liegt seit Jahren dort, wo er jetzt liegt. Er steigt nicht dramatisch, er fällt nicht, er hält sich. In der Sprache der Lagebilder heißt das stabil, und wer den Zusammenhang nicht kennt, hört darin eine Entwarnung. Es ist die exakte Gegenaussage. Stabil bedeutet: eingependelt, Normalzustand, wird nicht mehr abgestellt, sondern beobachtet.

Genau hier greifen beide Lager daneben. Die eine Seite braucht die Explosion, behauptet sie gegen die Daten und verliert die Debatte an den erstbesten Faktencheck. Die andere nimmt die Stabilität und verkauft sie als Beruhigung. Beide streiten über die Steigung der Kurve, niemand über ihre Höhe. Dass tausend versuchte Tötungen im Jahr eine hinnehmbare Größe seien, hat nie jemand beschlossen. Es hat sich ergeben, und Ergebnisse dieser Art werden nicht abgestimmt.

Die Verwendbarkeit der Toten

Die Getöteten haben eine Halbwertszeit von etwa einer Woche. So lange tragen sie einen Vornamen und ein Alter, danach sind sie eine Zahl im Nachsatz und ein Argument im Streit anderer Leute. Der eine braucht sie als Beleg für die angegriffene Weltoffenheit, der andere als Beleg für das Versagen, das er seit Jahren vorhergesagt hat. Beide wollen von dem toten Menschen nichts wissen außer, wofür er sich verwenden lässt.

Angehörige finden gelegentlich Gehör. Ein Interview, ein Jahrestag, ein Antrag, dem man ansieht, dass er zur Ablehnung geschrieben wurde. Politische Wirkung entfaltet das nie. Nicht selten. Nie. Wer nach einem solchen Verlust erwartet, dass sein Fall etwas verändert, wird ein zweites Mal beschädigt, diesmal von der Institution, an die er sich gewandt hat.

Am Wochenende standen in Berlin nach Polizeiangaben mehr als 250 Zufahrtschutzelemente rund um den Tiergarten, rund um die Uhr bewacht. Ein Fahrzeug ist trotzdem hineingelangt. Man wird die Zahl der Poller erhöhen. Das ist die Form, die Konsequenz in diesem Land annimmt: eine Maßnahme, die sich fotografieren lässt.

Was diese Langsamkeit bedeutet, zeigt sich allerdings erst im Vergleich. Es gibt Bereiche, in denen derselbe Apparat keine Sekunde zögert.

Weiter in Teil drei.
#Kommentar
Teil 3 von 3

Einzelfall, psychisch auffällig, Ermittlungen dauern an

Die Asymmetrie

Was Menschen zermürbt, ist nicht die Gewalt allein. Es ist die Beobachtung, dass derselbe Apparat, der bei der Sicherung eines Parks langsam ist, bei der Erfassung seiner eigenen Bürger außerordentlich schnell wird. Bei der Chatkontrolle, bei Meldestellen, bei der fortlaufenden Ausdehnung dessen, was als Gefährdung des Diskurses gilt, finden sich Tempo, Personal und Rechtsgrundlage in bemerkenswerter Geschwindigkeit. Bei der Frage, wie ein Mann, der im Mai aus dem Arrest kommt, im Juli einen Transporter mietet, finden sie sich nicht.

Man muss daraus keine Absicht konstruieren. Institutionen handeln schnell, wo Handeln ihnen Zuständigkeit einbringt, und langsam, wo Handeln ein Eingeständnis voraussetzt. Ein Eingeständnis zur Sicherheitsarchitektur wäre teuer und würde Karrieren kosten. Eine Sprachregelung kostet nichts und schützt alle Beteiligten gleichzeitig. Es braucht keine Verschwörung, wo die Interessen ohnehin in dieselbe Richtung zeigen.

Wer sich allein gelassen fühlt, fühlt insofern richtig. Nicht weil ihn jemand verlassen hätte, sondern weil er gelernt hat, dass sein Erschrecken keine Adresse hat. Er darf es äußern. Es wird registriert, einem Lager zugeordnet, dessen Mitglied er nie werden wollte, und damit ist es erledigt. Nicht widerlegt. Erledigt.

Bleibt die Frau. Über sie ist nichts bekannt außer, dass sie an einem Samstagabend im Tiergarten war und den Sonntag nicht mehr erlebt hat. Sie ist in Höhe der Lennéstraße gestorben, an der Stelle, an der sie getroffen wurde, so schwer verletzt, dass niemand mehr rechtzeitig bei ihr sein konnte. Den ganzen Tag über hatten Hunderttausende in dieser Stadt gefeiert, und sie war eine davon, jemand, der morgens aus dem Haus gegangen ist, um einen guten Tag zu haben, und der das an diesem Tag auch hatte, bis kurz nach zweiundzwanzig Uhr.

In einem Zelt am Rand der Absperrung haben Sanitäter in dieser Nacht dreißig Menschen betreut, die keine einzige Verletzung hatten. Sie hatten nur gesehen, was geschehen ist. Das ist der Umkreis eines solchen Abends, den keine Statistik führt: die, die daneben standen und die es ihr Leben lang mit sich herumtragen werden.

Ihren Namen kenne ich nicht. Wenn er veröffentlicht wird, steht er ein paar Tage in Meldungen, gefolgt von einer Altersangabe und einem Beruf, bis ihn die nächste Meldung überschreibt. Ich habe dieses Wochenende damit zugebracht, Absätze zu zerlegen und Meldungsarchitekturen zu vermessen, während in einem Berliner Krankenhaus Angehörige gesessen haben, denen jede einzelne meiner Beobachtungen vollkommen gleichgültig gewesen wäre. Das entwertet die Analyse nicht. Es setzt sie an ihren Platz, und der ist weiter hinten, als es sich beim Schreiben anfühlt.

Ich weiĂź nicht, was dieser Frau geschuldet ist. Ganz sicher kein Programm und keine Forderung, die ihren Tod als Anlauf benutzt. Vielleicht nur, dass irgendwo jemand an sie denkt, ohne dabei an etwas anderes zu denken.

Euer Rainer Taufertshöfer

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